MARCO MTB MAGAZIN
Ausgabe 07/26 · Langzeittest · Schwarzwald
Langzeittest · Seit Mai 2021

Fünf Jahre, ein Rahmen.

Über 6.000 Kilometer, drei Marathon-Finishes, null Defekte: Das Santa Cruz Chameleon eines Wiedereinsteigers aus Karlsruhe im wohl ehrlichsten Dauertest, den ein Hardtail bekommen kann — echter Alltag, echter Schwarzwald, echte Startlinien.

Marco auf dem Santa Cruz Chameleon auf einem Schwarzwald-Schotterweg
Testbetrieb, Tag eintausendachthundert­irgendwas: Der Fahrer und sein Chameleon im Nordschwarzwald.

Langzeittests enden bei uns normalerweise nach zwölf Monaten. Bei diesem Bike machen wir eine Ausnahme — weil sein Besitzer eine gemacht hat. Marco de Friend, Jahrgang Startnummer 1997, fuhr mit 17 sein erstes Rennen und hängte den Sport danach für zwanzig Jahre an den Nagel. Familie, Beruf, Leben. Im Mai 2021 dann der Moment, der diesen Test startete: ein Santa Cruz Chameleon, Aluminium, Hardtail, kompromisslos. Mit 41 Jahren kaufte sich hier niemand ein Bike. Hier kaufte sich jemand ein Comeback.

Seitdem haben wir — genauer: hat er — dem Rahmen alles zugemutet, was der Schwarzwald hergibt. Hausrunden ab dem Bahnhof Bad Herrenalb, Feierabend-Trails, Bikepark-Tage in Todtnau, Familientouren, Winterschlamm. Und einmal im Jahr den Ernstfall: den Black Forest ULTRA Bike Marathon in Kirchzarten, das größte MTB-Marathon-Event Deutschlands.

Die Bilanz nach gut fünf Jahren liest sich wie das Pflichtenheft, das Santa Cruz nie geschrieben hat: über 6.000 Kilometer, drei Rennteilnahmen, drei Finishes, eine um über eine Stunde verbesserte Zielzeit — und eine Werkstatthistorie, die kürzer ist als diese Einleitung.

Santa Cruz Chameleon in Seitenansicht am Bahnhof Bad Herrenalb
Das Testrad am „Werksgelände“: Bahnhof Bad Herrenalb, Startpunkt fast jeder Ausfahrt. Auffällig: die blaue Tune-Sattelstütze — eines von zwei Upgrades in fünf Jahren.

01Die Maschine

Das Chameleon ist im Santa-Cruz-Programm der Außenseiter: kein Carbon, kein Dämpfer, keine Ausreden. Ein Alu-Hardtail in einer Modellpalette voller High-End-Fullys — gebaut für Leute, die wissen wollen, was der Boden macht. Genau diese Direktheit ist im Test zur prägenden Eigenschaft geworden: Das Bike übersetzt jede Entscheidung sofort. Saubere Linie, sauberes Feedback. Schlampige Linie — auch sauberes Feedback.

Der Antrieb ist das Prunkstück der Ausstattung: SRAM XX1 Eagle, zwölffach, im Rainbow-Finish. In fünf Jahren Test kein einziger Ausfall, kein Schaltwerk-Drama, keine abgerissene Kette. Die Fox-Federgabel vorn nimmt dem Schwarzwald-Schotter die Härte, hinten arbeitet — nichts. Hardtail eben. Die Laufräder rollen tubeless auf Vittoria Mezcal, was im gesamten Testzeitraum genau null Durchschläge ins Ziel brachte.

Statt Reparaturen gab es Evolution: ein SQlab-Sattel für die Ergonomie auf langen Distanzen und die auffällig blaue Sattelstütze von Tune — Leichtbau aus Baden, sichtbar aus zehn Metern. Mehr war nicht. Mehr musste nicht.

SRAM XX1 Eagle Kassette im Rainbow-Finish, Nahaufnahme
Zwölf Gänge, fünf Jahre, null Ausfälle: die XX1-Eagle-Kassette im Rainbow-Finish — nach über 6.000 Kilometern immer noch das Prunkstück.
Front des Chameleon mit Fox-Federgabel im Wald
Arbeitsplatz Front: Fox-Gabel und breites Cockpit. Hinten federt bekanntlich der Fahrer.

„Das beste Bike ist das, auf dem du fährst — nicht das, über das du redest.“

Marco de Friend, Testfahrer & Besitzer
Die Langzeit-Bilanz

Fünf Jahre, null Drama.

6.000+
Kilometer Laufleistung — Alltag, Touren, Rennen, Bikepark
0
Defekte und ungeplante Werkstatt-Besuche im Testzeitraum
2
Upgrades: SQlab-Sattel und Tune-Sattelstütze — Evolution statt Reparatur
3/3
Marathon-Starts beendet: Black Forest ULTRA Short Track 2023–2025

02Der Ernstfall: Kirchzarten

Ein Langzeittest ohne Belastungsspitzen ist keiner. Dieses Bike bekommt seine jeden Juli — beim Black Forest ULTRA Bike Marathon, Short Track, rund 40 Kilometer und knapp 1.000 Höhenmeter quer durch den Hochschwarzwald.

JahrDistanzZielzeitAK Senioren 2
2022DNSAngemeldet, nicht gestartet
202343 km4:05:42101.
202446 km3:05:2783.
202540 km3:04:2562.
202640 kmStart am 26. Juli — der Test geht weiter

Die Zahlen erzählen die Geschichte präziser als jedes Testprotokoll: 2022 die Anmeldung ohne Start — der klassische Wiedereinsteiger-Fehlstart. 2023 das erste Finish, bei dem nur eines zählte: ankommen. Dann der Sprung, der uns aufhorchen ließ — eine volle Stunde schneller binnen eines Jahres, gefolgt von der Bestätigung 2025. In der Altersklasse ging es von Platz 101 auf 62. Das Material hatte daran seinen Anteil: kein einziger technischer Zwischenfall in drei Renneinsätzen.

Zielbogen des Black Forest ULTRA Bike Marathon in Kirchzarten
Stadion Kirchzarten, aufgenommen vor dem Rennwochenende 2026: Hier endet jeder Testabschnitt — und am 26. Juli der nächste.

03Das Testgelände

Kein Prüfstand, keine Laborrampe: Das Revier dieses Dauertests ist der Schwarzwald zwischen Karlsruhe und Feldberg — Hausrunden ab Bad Herrenalb, Flowtrails in Todtnau, Schotter, Wurzeln, Wetter.

Chameleon lehnt am Geländer mit Blick über die Rheinebene
Pausenplatz mit Aussicht: über den Hügeln der Rheinebene, irgendwo auf der Hausrunde.
Flowtrail-Anlieger im Bikepark Todtnau von oben
Härtetest-Modul Bikepark: die Anlieger von Todtnau. Hier zeigt sich, ob ein Hardtail-Fahrwerk ehrlich bleibt.
POV-Aufnahme vom Cockpit auf einem Waldtrail
Fahrerperspektive, Sektion Nordschwarzwald: Der Blick, für den dieser Test nie langweilig wurde.
Santa-Cruz-Banner an einem Teststand im Bikepark Todtnau
Werksbesuch der anderen Art: Santa-Cruz-Banner in Todtnau. Der Tester blieb beim eigenen Rad.

04Der Fahrer

Marco steht hinter seinem Santa Cruz Chameleon im Wald
Der Mann hinter der Laufleistung: Marco de Friend, Karlsruhe.

Man kann dieses Bike nicht vom Fahrer trennen — der Langzeittest funktioniert nur als Doppelporträt. De Friend fuhr als Jugendlicher Rennen, unter anderem 1998 in Willingen, dann folgte die längste Wartungspause dieser Geschichte: zwanzig Jahre. Das Comeback mit 41 war kein sanfter Wiedereinstieg, sondern eine Ansage mit Kaufbeleg.

Was ihn von vielen Wiedereinsteigern unterscheidet, ist die Konsequenz: ein Bike, ein Rennen, jedes Jahr. Keine Materialschlacht, kein N+1-Fuhrpark. Stattdessen die immergleiche Startlinie in Hinterzarten als jährliche Standortbestimmung — und ein Espresso als fester Bestandteil jeder Ausfahrt. Nicht als Gag: als Ritual, das aus Training Routine macht und aus Routine Identität.

Name
Marco de Friend
Basis
Karlsruhe / Nordschwarzwald
Erstes Rennen
1997, mit 17
Pause
20 Jahre
Comeback
Mai 2021, mit 41
Disziplin
Marathon, Short Track
Ritual
1 Espresso. Nach jedem Ride.
Im Netz
@marco_mtb_espresso
Marco mit Helm und Sonnenbrille am Fluss
Pausenprotokoll, Albtal: Helm auf, Grinsen an. Der Testfahrer bei der Arbeit.
Marco trinkt einen Espresso am Marktplatz
Der wichtigste Verschleißartikel dieses Tests wird getrunken: Espresso, hier in der Variante „Marktplatz nach der Tour“.

05Das Urteil

Stark

  • Über 6.000 km ohne einen einzigen Defekt — Zuverlässigkeit auf Referenzniveau
  • Direktes, ehrliches Fahrverhalten; macht aus jedem Trail eine Trainingseinheit
  • XX1-Antrieb und Tubeless-Setup im Dauereinsatz absolut sorgenfrei
  • Wertstabil im besten Sinn: fünf Jahre, immer noch das einzige Bike im Haushalt

Schwach

  • Hardtail-Prinzip: auf Marathon-Distanz federt ab Kilometer 30 nur noch der Fahrer
  • Alu-Rahmen ist robust, aber kein Leichtgewicht — Tune-Stütze ändert das nur symbolisch
  • XX1-Verschleißteile gehen ins Geld, wenn sie denn irgendwann fällig werden
Zuverlässigkeit10
Vortrieb & Direktheit9
Komfort6
Alltags- & Renntauglichkeit9
Espresso-Kompatibilität10
Testurteil der Redaktion

„Das Chameleon hat in fünf Jahren genau ein Bauteil verschlissen: jede Ausrede seines Fahrers. Ein Bike, das nicht gekauft wurde, um besser auszusehen — sondern um wieder anzukommen. Prädikat: Weiterfahren.“

Langzeittest fortlaufend. Nächster Prüfpunkt: 26. Juli 2026, Stadion Kirchzarten.
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MMTB · 07/26